Queere Menschen werden weiterhin diskriminiert – trotz politischer Entwicklungen

Ange­hörige sex­ueller und geschlechtlich­er Min­der­heit­en erfahren in der Schweiz nach wie vor struk­turelle Diskri­m­inierung, soziale Aus­gren­zung und kör­per­liche Gewalt. Dies zeigen Sozialpsy­chologin­nen der Uni­ver­sitäten Zürich und Lausanne.

Ange­hörige sex­ueller und geschlechtlich­er Min­der­heit­en erfahren in der Schweiz nach wie vor struk­turelle Diskri­m­inierung, soziale Aus­gren­zung und kör­per­liche Gewalt. Dies zeigen Sozialpsy­chologin­nen der Uni­ver­sitäten Zürich und Lau­sanne in ein­er Befra­gung. Beson­ders aus­geprägt sind die Ungle­ich­heit­en bei Ange­höri­gen geschlechtlich­er Minderheiten.

2020 war ein entschei­den­des Jahr für die Rechte von LGTB­TIQ-Per­so­n­en in der Schweiz: Die Bevölkerung stimmte für die Erweiterung des Antidiskri­m­inierungs­ge­set­zes, das Par­la­ment öffnete die Zivile­he für «alle» und vere­in­facht die Änderung des Geschlecht­sein­trages. Ein­blicke in die Sit­u­a­tion von queeren Per­so­n­en während dieser Zeit ermöglicht die diesjährige Befra­gung des «Schweiz­er LGBTIQ*-Panels». Für die Studie unter der Leitung der Sozialpsy­chologin­nen Tabea Hässler (Uni­ver­sität Zürich) und Léi­la Eis­ner (Uni­ver­sität Lau­sanne) wur­den 2020 über 1400 queere Per­so­n­en zu aktuellen poli­tis­chen Debat­ten, beste­hen­der Diskri­m­inierung, Unter­stützung und die Rolle der Schule befragt.

Verbreiteter Wunsch nach Ehe und Kindern

Während sich etwa die Ehe bei het­ero­sex­uellen Per­so­n­en immer weniger Beliebtheit erfreut, würde eine Mehrheit (55 Prozent) der les­bis­chen, schwulen oder bisex­uellen Per­so­n­en gerne heirat­en, wenn dies in der Schweiz legal wäre. Damit ein­her geht oft der Wun­sch nach Kindern: Über ein Drit­tel der Ange­höri­gen sex­ueller Min­der­heit­en möcht­en gerne Kinder haben. Bei den Ange­höri­gen geschlechtlich­er Min­der­heit­en wie trans, nicht-binäre oder intergeschlechtliche Per­so­n­en äussern über ein Fün­f­tel diesen Wunsch.

Engagement und Sorge rund um das Antidiskriminierungsgesetz

Viele LGB­TIQ-Per­so­n­en haben sich 2020 aktiv für die Kam­pagne zur Erweiterung des Antidiskri­m­inierungs­ge­set­zes einge­set­zt. Sie haben beispiel­sweise Gespräche mit het­ero­sex­uellen Per­so­n­en geführt (80 Prozent), Beiträge in sozialen Net­zw­erken ver­fasst (57 Prozent) und Regen­bo­gen­fah­nen aufge­hängt (48 Prozent). «Während das Ergeb­nis der Abstim­mung – die Erweiterung des Antidiskri­m­inierungs­ge­set­zes um die sex­uelle Ori­en­tierung – begrüsst wurde, zeigten sich Befragte ent­täuscht über abw­er­tende Kom­mentare und teil­weise offene Has­sre­den vor der Abstim­mung», sagt Tabea Hässler. «Einige Teil­nehmende waren zudem betrübt darüber, dass die Geschlecht­si­den­tität nicht eben­falls berück­sichtigt wurde.»

Ausgrenzung auf körperlicher, struktureller und sozialer Ebene

Als alarmierend stufen die Stu­di­en­au­torin­nen die Diskri­m­inierungsrat­en ein, die aus ihrer Befra­gung her­vorgin­gen: So wur­den im ver­gan­genen Jahr 40 Prozent der Stu­di­en­teil­nehmenden von Män­nern sex­uell belästigt. Ange­hörige geschlechtlich­er Min­der­heit­en waren ins­ge­samt dop­pelt so häu­fig Opfer von Diskri­m­inierung wie Ange­hörige sex­ueller Min­der­heit­en, wobei sich die Diskri­m­inierung auf kör­per­liche Gewalt (16 Prozent vs. 8 Prozent), soziale Aus­gren­zung (55 Prozent vs. 33 Prozent) und struk­turelle Benachteili­gung (78 Prozent vs. 40 Prozent) beziehen kon­nte. Let­ztere schliesst zum Beispiel fehlende Rechte wie das Recht auf Ehe und Adop­tion, die fehlende Möglichkeit, sich in offiziellen Doku­menten als «divers» oder «intergeschlechtlich» einzu­tra­gen oder auch fehlende Uni­sex-Toi­let­ten mit ein. Eine Erk­lärung für die grossen Unter­schiede kön­nte gemäss den Stu­di­en­au­torin­nen darin liegen, dass Ange­hörige geschlechtlich­er Min­der­heit­en kaum öffentlich sicht­bar sind und geschlechtliche Vielfalt ins­ge­samt gesellschaftlich wenig the­ma­tisiert wird.

Mangelnde Sensibilisierung in der Schule

Diese Ten­denz zeigt sich unter anderem in den Schulen: Bei den Studienteilnehmer*innen unter 21 Jahren gab die Hälfte der Befragten an, dass die sex­uelle Ori­en­tierung oder Geschlecht­si­den­tität in der Schule über­haupt nicht zur Sprache kam. «Dies ste­ht in starkem Kon­trast zu den Bedürfnis­sen schulpflichtiger LGB­TIQ-Per­so­n­en», wie Léïla Eis­ner fes­thält. Denn obwohl diese beson­ders gefährdet sind Opfer von Mob­bing und Diskri­m­inierung zu wer­den, wis­sen sie oft nicht, an wen sie sich wen­den kön­nen. «Eine stärkere Sicht­barkeit und Unter­stützung durch Lehrer*innen und Mitschüler*innen wäre hier eine grosse Hilfe.»

Längsschnittstudie zeigt Veränderungen über die Zeit

Aus der aktuellen Befra­gung geht her­vor, dass Ange­hörige sex­ueller und geschlechtlich­er Min­der­heit­en in der Schweiz nach wie vor Diskri­m­inierung erfahren und sich gesellschaftlich nicht voll­ständig akzep­tiert fühlen. Wie die Stu­di­en­au­torin­nen unter­stre­ichen, ist die Ten­denz bei Ange­höri­gen geschlechtlich­er Min­der­heit­en beson­ders aus­geprägt, was sie inner­halb der LGB­TIQ-Com­mu­ni­ty zu ein­er gefährde­ten Gruppe macht.

Um die Entwick­lung weit­erzu­ver­fol­gen und nachzu­vol­lziehen wie Verän­derun­gen im sozialen und poli­tis­chen Kon­text die Sit­u­a­tion von queeren Per­so­n­en bee­in­flussen, wird das «LGBTIQ*-Panel» fort­ge­set­zt: Neben Fra­gen zu Diskri­m­inierung, Prob­le­men, aber auch zu erfahren­er Unter­stützung kom­men dabei auch aktuelle The­men zur Sprache. Die näch­ste Befra­gung find­et bere­its im Jan­u­ar 2021 statt.

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